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leia's Tagebuch    


2016 12016 3   Februar 2016  
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Eintrag von leia am 24.2.2016

Blueberry days oder: 320 days later


Mittwoch früh. 5:30 Uhr.
Ich spüre schon an der Gewichtsverlagerung auf der Matratze, dass meine Gnadenfrist abgelaufen ist.
»Leia?«
Stille. Ich stelle mich tot. Vielleicht darf ich dann liegen bleiben.
»Leia…«
Ich höre leichte Gereiztheit heraus. Jemand schüttelt und zieht an meiner Bettdecke.
»Kleines, wenn du nicht sofort aufstehst, esse ich dir deinen Heidelbe.erjoghurt weg.«
Augenblicklich sitze ich kerzengerade und mit weit geöffneten Augen im Bett.
Chris grinst mir von der Bettkante entgegen. Eine Seite seines Gesichts wird leicht vom Licht angestrahlt, das aus dem Flur hereinfällt, die andere Seite liegt im Dunkel des Schlafzimmers verborgen. Er ist so schön wie eh und je. Das freche Funkeln in seinen Augen und seine jugendliche Art lassen ihn keinen Tag älter als 30 wirken.
»Finger weg von meinem Joghurt!«, warne ich ihn und fuchtele gespielt erbost mit meinem Zeigefinger vor ihm herum.
Heidelbe.eren sind meine neuste Entdeckung. Sie sind gut gegen Bla.senentzündungen. Und damit schlage ich mich leider seit Monaten alle paar Wochen herum. Zweimal lag ich schon auf der Intensivstation. In diesem Jahr.
»Dann wirst du wohl aufstehen und mich davon abhalten müssen«, erwidert Chris leichtfertig und ist schon von der Bettkante aufgesprungen, bevor ich ihn am Arm erwischen und zu mir ins Bett ziehen kann.
»Oh nein, vergiss es«, lacht er und sieht mir zu, wie ich mich enttäuscht zurück in die Kissen fallen lasse. Vor meinem inneren Auge tanzen Heidelbe.eren in einem Reigentanz unter der Zimmerdecke. Ich werfe Chris einen Blick zu, der Stein erweichen könnte, aber er schüttelt nur den Kopf und lässt mich dann alleine. Ein paar Sekunden lang höre ich noch seine nackten Füße über den Gussbeton Richtung Zentralhaus tappen. Dann schlage ich die Decke zurück und gehe ins Bad.

Vom Spiegel über den Waschbecken aus beobachtet mich eine junge Frau, als ich mein Nachthemd ausziehe und zu Boden fallen lasse. Ihr Blick ist geheimnisvoll umwölkt, mal wirkt er glücklich, mal traurig, manchmal auch einfach müde und im nächsten Moment lauernd hellwach. In diesem Blick spiegelt sich eine in sich ungefestigte Seele. Es ist ein Blick, der unter die Haut geht.

Auch 320 Tage danach bin ich noch nicht wieder die Leia, die ich vor der V.ergewal.tigung war. Es ist ein ewiges Auf und Ab. Manchmal innerhalb weniger Tage, manchmal innerhalb weniger Stunden oder gar Minuten. Fühle ich mich im einen Moment ruhig und ausgeglichen, ist das kein Garant dafür, dass ich nicht 10 Minuten später weinend und zusammengekauert wie ein kleines Kind in irgendeiner Ecke sitze und nie wieder aufstehen will. Letztere Momente und oft auch die vorangehenden negativen Gedanken habe ich zwar im Griff, wenn ich in Gesellschaft bin, aber kaum bin ich allein, bricht es aus mir heraus.
Ich will nicht sagen, dass es mir immer schlecht geht. Nein, ich habe auch viele glückliche Momente in den letzten 320 Tagen erlebt. Momente, in denen ich mich frei und unbesiegbar gefühlt habe. In denen sich Lebensträume erfüllt haben. In denen ich mich aufrichtig über kleinere und größere Highlights freuen konnte.
Aber ich merke auch, dass meine Reise zurück ins Leben noch nicht ihr Ende erreicht hat. Ich weiß inzwischen, dass ich mich Miles noch einmal stellen muss. Ganz egal wie er reagiert, was er sagt oder nicht sagt – ich brauche diese Begegnung, um für mich mit dem Thema abschließen zu können. Vielleicht ist es mein unbändiger Sinn für Gerechtigkeit, dass ich das Gefühl habe, ihn über die Konsequenzen seines Handelns aufklären zu müssen. Ich möchte dass er weiß, dass er seine beste Freundin aufs Schlimmste erniedrigt und verletzt, ihre Seele und ihren Körper missbrau.cht und ihr gesundheitlichen L.angzeitschaden zugefügt hat. Die Ärzte haben mir wenig Hoffnung gemacht, dass meine Bla.sen-Nier.en-Probleme besser werden, solange sich meine Psyche nicht wieder eingependelt hat. Wann das sein wird, steht in den Sternen.

Als ich aus der Dusche komme und in ein riesiges flauschiges Handtuch gehüllt erneut vor dem Spiegel stehe, wirkt der Blick der jungen Dame schon etwas weniger verletzlich. Für heute hat der Alltag mich wieder. Und er tut mir gut. Auch wenn ich bei weitem nicht so leistungsfähig bin wie vor 320 Tagen. 2015 war ich an über 20 Tagen krankheitsbedingt nicht in der Arbeit. Dieses Jahr sind es schon 6. Aber ich liebe meinen Job und ich weiß, dass ich ihn auch sehr gut ausführe. Mit meinem Chef habe ich großes Glück. Er ist einer der wenigen wirklich nahbaren Manager, die tatsächlich eine Person in ihren Mitarbeitern sehen und nicht nur eine Ressource. Wir sind uns im Denken und den Handlungsansätzen sehr ähnlich. Ich bekomme sehr oft gesagt, dass er sein jüngeres Ich in mir wiedererkennt. Und er hat eine Tochter in meinem Alter. Auch das trägt bestimmt dazu bei, dass ich von ihm von allen denkbaren Seiten gefördert werde. Seit Anfang des Jahres weiß er auch um die Umstände meiner ständigen Krankheit. Nach langem Hin und Her habe ich ihm erzählt, was passiert ist, auch wenn ich nicht gesagt habe, wer mir das angetan hat. Miles hat noch immer gut sichtbare Spuren in meinem Unternehmen hinterlassen. Seitdem mein Chef es weiß, geht es uns beiden besser. Denn er hatte Sorge, dass meine manchmal zu Tage tretenden Stimmungsschwankungen mit ihm oder meinem Job zu tun haben könnten. Jetzt wo er die Wahrheit kennt, ist er noch vorsichtiger und netter zu mir als zuvor. So kann ich zum Beispiel seit kurzem einen Tag pro Woche von daheim aus arbeiten. Das entlastet mich ungemein, allein schon wegen der Fahrerei. Meinen RS7 habe ich übrigens verkauft. Inzwischen fahre ich T.esla. Für die seltenen Momente, in denen ich das maßlose Gluckern eines starken Benziners vermisse, gönne ich mir eine Spritztour mit einem von Chris' Sportwagen. Spätestens danach weiß ich dann wieder was ich an meinem Stro.mer habe.

Als ich eine Viertelstunde später in die Küche spaziere stehen meine Heidelbe.eren unberührt in einer hübschen Schüssel auf dem Esstisch. Chris hat es sich mit Kaffee, einer Butterbreze und der Tageszeitung gemütlich gemacht. Ich fahre ihm im Vorbeigehen mit der Hand durch seine noch vom Duschen feuchten Haare was von Merlin mit einem enttäuscht-entrüsteten Schnauben kommentiert wird. Zur Entschuldigung tätschele ich auch ihm den Kopf und lasse mich dann auf meinen Lieblingsstuhl fallen.
Chris blickt auf und lächelt mich an.
»Zwei Minuten später und deine Heidelbe.eren wären jetzt hier«, zieht er mich auf und streicht über seinen durchtrainierten Bauch.
Ich stupse ihn unter dem Tisch an und werfe ihm einen zweifelnden Blick zu. Er lacht und schiebt mir einen Brief herüber.
»Guck mal, ist gestern für dich gekommen.«
Es ist ein Brief meiner Schulfreundin. Sie hat mir etwas weitergeleitet, das für mich an ihre Adresse ging und seinen Ursprung im Digi hat.
Ja, das Digi. Schon letzte Woche hat es mich wieder hergezogen. Ich habe ein bisschen bei euch allen gelesen und mich danach zum ersten Mal seit Mai 2015 wieder eingeloggt. Ich habe mir nichts erwartet. Aber da waren Nachrichten von euch. Nachfragen, wie es mir geht. Dass ihr an mich denkt. Dass ihr mir frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr wünscht. Ich hatte das Gefühl, nicht vergessen worden zu sein. Kaum war ich ausgeloggt, kam eine SMS. Von meiner lieben S. Hast du es gespürt, dass ich online war?
Jetzt dieser Brief. Vornedrauf ein Pinguin.

Mich zieht es wieder her. Zurück ins Digi. Zurück zu euch.
Verzeiht, dass ich letztes Jahr einfach gegangen bin. Nehmt ihr mich wieder zurück?


Kommentare


Von wanderfalke am 24.02.2016 - 21:15 Uhr
....liebend gerne, liebe leia!
Manchmal braucht Frau eine Aus-Zeit.... Wie lange sie ist, bestimmt auch jeder für sich selbst.
Schön, wieder von dir zu lesen!

Ciao

Von letitgo am 24.02.2016 - 22:07 Uhr
Jederzeit.
Ich habe deine Einträge vermisst. Willkommen zurück!

Gruß,
Hope

Von seraphina am 17.04.2016 - 14:55 Uhr
Ob wir dich zurücknehmen? Du hast gefehlt, Liebes. Nicht nur hier im Digi. Generell.
Und ich finde deine Geschwindigkeit zurück ins Leben sehr schön zu beobachten. Dein Lebenstempo ist wichtig, nicht das eines Therapeuten oder auch von anderen Menschen. Niemand darf was fordern.
Ob ich es gemerkt habe? Ich denke, es war Intuition. Ich vermisse dich sehr :-)
Seraphina♥

Von seraphina am 24.06.2016 - 18:06 Uhr
Ich denk an dich, Liebes!!! ♥

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damian
»Wir sind frei zu tun, was wir wollen, ...

ER !!!!! ist da ...
ER ist da !!! MEIN VERTRAG IST DA !!! J...



leia
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Profil: Im Aufbruch zu einem neuen Lebensabschnitt
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